Mittwoch, 13. Mai 2015

Ich renn den Rennsteig - OH. MY. GOD.

Mir ist kalt. Alles krampft sich zusammen. Ich weiß überhaupt nicht wohin. Eigentlich müsste ich noch aufs Klo, aber ich kann nicht. Meine Verdauung spielt nicht mit. Und irgendwie will ich mich auch nicht schon wieder eine halbe Stunde in die ellenlange Schlange vor den aufgereihten Dixi-Klos einreihen. Wobei – an dieser Stelle sei gesagt, dass dies schon echt sehr gut organisiert ist hier. Mit den vielen Dixi-Klos, dem kostenlosen Bustransfer schon 6 Uhr in der Früh und überhaupt...

Hier, das ist Oberhof. Kennt vielleicht der ein oder andere vom Skisport. Ein kleiner, beschaulicher Ort mitten im Thüringer Wald. Aber was mache ich hier eigentlich? Ich stehe in Laufschuhen (natürlich mit meinem Zeitchip, der heute auch endlich eingeweiht wird), Shorts, Shirt, langen Socken und einem blauen Müllsack irgendwo auf einer Straße im Wald in Oberhof. Block 6. Denn das ist der Startblock, der auf meiner Startnummer steht. Zusammen mit Elisa stehen wir hier vor 7 Uhr morgens, inmitten von knapp 6.500 anderen Verrückten in der morgendlichen Kälte dieses 9. Mai's 2015. Und warten. Warten auf den Startschuss.


Papa meinte gestern Abend noch, dass früher, zu seiner Studentenzeit, als er selbst den Marathon auf dem Rennsteig lief, der Schneewalzer gespielt wurde. Man schunkelte und schunkelte, damit es keinen Fehlstart gibt. Auch heute wird der Schneewalzer gespielt und dann ist es soweit. Der Start für den ersten Block fällt. Und ich frage mich, ob ich überhaupt ausreichend vorbereitet bin. Vorbereitet für die bevorstehenden 21,1 km, vorbereitet für die 333m Anstieg bei diesem Halbmarathon bei Europas größtem Crosslauf mit über 15.000 Sportlern. Zumindest habe ich meine Laufsachen gestern Abend schön vorbereitet zusammengelegt für ein Foto auf Instagram, welches ich letzten Endes gar nicht posten konnte, weil man im tiefen Thüringer Wald eben nicht überall guten Handyempfang hat.. Ich hoffe zumindest, dass ich ansonsten lauftechnisch gut vorbereitet bin. Zumindest habe ich größtenteils den 16wöchigen Trainingsplan befolgt und bin im März insgesamt 84,6 km bzw. im April 109,7 km insgesamt gelaufen. Hoffentlich reicht das... So ambitioniert wie die Läufer in der ersten Reihe des Startbocks hinter uns sehen wir zumindest in unserem Müllsäcken mit vor der Brust verschränkten Armen nicht aus...

Dann bewegt sich unser Startblock vorwärts. Zunächst nur gehend. Der Puls steigt. Wir entledigen uns unserer Müllsäcke und bewegen uns mit der Masse Richtung Startlinie. Dann geht es los. Wir beginnen mit dem Laufschritt. Es piept und piept, als wir über die Matten der Startlinie laufen. Ab jetzt läuft die Kilometeruhr und natürlich auch die Zeit. Wobei ich mir für meinen, diesen ersten Halbmarathon keine Zielzeit vorgenommen habe. Hauptaufgabe ist, wenn man so sagen möchte, die Atmosphäre aufzunehmen und den Halbmarathon überhaupt zu schaffen. Dafür habe ich die letzten Wochen trainiert und die letzten Tage fleissig Kohlenhydrate geschaufelt. Am Freitag ging es dann im Auto von München nach Oberhof mit Elisa und meinem Freund. Natürlich konnte ich die Nacht kaum schlafen (und es lag nicht nur an dem konsequenten Schnarchen meines Papas), aber als der Wecker um halb fünf klingelte, stieg die Nervosität noch ein paar tausend Nuancen an.
Aber Laufen ist zum Glück einfach - man setzt ja nur einen Fuß vor den anderen, macht einen Schritt nach dem anderen. Und schaut, dass man nicht stolpert oder andere anrempelt. Letzteres ist vor allem recht schwierig, bei dieser Masse an Läufern beim Rennsteig. Irgendwie wuseln wir uns durch, Elisa und ich. Sie überholt rechts, ich überhole links. Nebenbei werden wir natürlich auch noch überholt. Und dabei bin ich total überrascht, wie scheinbar einfach es sich läuft. Ich versuche, gleichmässig zu atmen. Drei Schritte pro Ein- und Ausatmung. So kann ich es eine Weile aushalten, weiß ich aus den langen Trainingsläufen. Dann kommt der erste Anstieg - Oh mein Gott ist das steil. Der größte Teil der Läufer wird zu Walkern. Ich versuche den Anstieg im Laufschritt und merke, dass ich mich vielleicht doch hätte aufwärmen sollen vor dem Start. Naja, nach diesem Anstieg werde ich definitiv warm sein...

Nachdem der Anstieg geschafft ist, freue ich mich regelrecht, denn ich denke, dass dies der "steile" Anstieg ist, den ich im Streckenprofil befürchtet hatte. Aber falsch gedacht, es ist nur der erste, winzigminikleine Hügel im Streckenprofil. Der fiese Anstieg kommt direkt danach. Ich laufe so langsam, dass ich die Walker kaum überhole. Vielleicht ist Gehen doch keine so schlechte Idee, frage ich mich. Ich versuche, den Berg hochzugehen, aber merke direkt, dass es zwar weniger anstrengend, aber auch wesentlich langsamer ist. Aber der Wechsel zurück in den Laufschritt will mir bis zur Spitze des Berges nicht wirklich gelingen. Bergab liegt mir wesentlich besser. Es macht mir regelrecht Spaß, auf dieser Trailstrecke zwischen den Steinen und Wurzeln umher zu springen. Dass ich bergab Gas gegen kann, ist zuviel gesagt, aber bergab kann ich einiges an dem Tempo wieder aufholen, was ich bergauf verloren habe.

Apropos verloren - Elisa habe ich bergauf auch verloren. Aber sie holt mich kurz nach der ersten Verpflegungsstation, die sie gleichzeitig für eine Pipipause nutzte, wieder ein. Ab da laufen wir wieder gemeinsam. Und das ist auch gut so denn nach der ersten Pause geht es nur noch bergauf. Kilometerlang. Auf knapp fünf Kilometer verteilen sich 136 Höhenmeter. Bergauf. Kurz vor dem höchsten Punkt muss ich kapitulieren und ein kleines Stück gehen. Dann kommt der höchste Punkt der Strecke: Plänckners Aussicht auf 969m. Ab jetzt geht es nur noch bergab, freue ich mich.


Wir fliegen bergab förmlich zur zweiten Verpflegungsstelle bei Kilometer 12,1 wo unsere Eltern jubeln und uns anfeuern (und Fotos machen). Wir fliegen mit strahlendem Lächeln vorbei. Ich fühle mich wieder großartig - der anstrengende Anstieg scheint weit hinter uns zu liegen. Ist das das Läufer's High? Ich schnappe mir Banane und Cola und weiter gehts. Mehr als die Hälfte ist geschafft, jetzt nur noch bergab. Denkste. Natürlich folgen auf den letzten 9 Kilometer auch noch ein paar fiese Anstiege. Bei dem 17. Kilometer fällt mir auf, dass ich noch nie so weit gelaufen bin - und darauf gibt es einen High Five mit Elisa. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass wir sogar eine recht passable Zeit schaffen könnten.

Wir werden auf den letzten Kilometern auch zum wiederholten Male auf unsere leuchtend pinken "Vegan"-Laufsocken angesprochen. Jetzt habe ich auch genug Luft, um zu antworten. Ab dem 19. Kilometer wird es irgendwie noch einmal hart, aber als ich das rote, aufgeblasene Tor bei Kilometer 20 sehe weiß ich, dass das Ziel nahe ist. Und so laufen Elisa und ich Hand in Hand in Schmiedefeld, dem schönsten Zielort der Welt, über die Ziellinie. Geschafft. Ich glaub es kaum. Mir wird eine Medaille um den Hals gehangen und ich stolpere zum Getränkestand. Glücklich, total erschöpft, aber gleichzeitig auch höchst motiviert fühle ich mich. Später schleppe ich mich mit unseren Eltern, die uns toller weise begleitet haben, zum Parkplatz und die nächsten fast 48 Stunden kann man fast nichts mit mir anfangen. Aber ich habe Blut geleckt und hätte mich nach dem Zieleinlauf fast direkt für den 44. Rennsteiglauf im nächsten Jahr angemeldet. Die Sofortanmeldung ist zumindest noch bis zum 17. Mai möglich...




Kommentare:

  1. Klasse, liebe Regina - ich freue mich für dich!
    Herzlichen Glückwunsch zum Finish :)

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  2. Super schöner Bericht, der genau die Empfindungen wiedergibt, die wir als Zuschauer auch hatten. Man kriegt Lust, sich für den 44. anzumelden. Wenn nur der Fleiß und der Schweiß des Trainings davor nur wären.......
    MaPa

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  3. woohoooow, regina. was für ein tolles erlebnis und was für ein toller bericht darüber. schön, daß im grunde alles so geklappt hat, wie du es dir vorgestellt hast. hat sich die mühe und das training doch gelohnt! und das knie hat auch gehalten - super :-D
    liebe grüße,
    sandra

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  4. Hallo Regina,was ein toller Bericht.Freue mich sehr für Dich, dass alles super gelaufen ist. Das motiviert mich immens! Ich liebe das Müllsack Foto:)). Bis ganz bald mal. Jana P.

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  5. Ohhhh,ich bin so stolz auf dich! Du bist definitiv eine Inspiration und in mir drinnen wächst auch langsam der Traum, einen Halbmarathon zu laufen. Bei den 10km bin ich ja schon.....
    Und wo hast du das mega geile shirt von deinem letzten Instagram Bild her???? Will ich auch haben, das sieht ja mega geil aus!

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