Mittwoch, 8. August 2012

Papi, du bist schuld !

Während dieser Woche hielt mir mein Freund - der mittlerweile seit vier Wochen vegetarisch lebt - einen motivierenden und emotionalen Argumentationsmonolog, für den ich ihm sehr dankbar bin.
Kurz darauf war die Idee geboren, ihn um einen Beitrag zum (für ihn noch frischen) Thema "Vegetarismus" zu bitten. Erst zierte er sich, doch dann saß er auf einmal stumm an seinem Laptop, ließ mich nicht über die Schulter schauen... Als ich das Resultat las, hatte ich Tränen in den Augen - ein passender Abschluss für meine vegane Woche, finde ich, aber lest selbst:


Papi, du bist schuld !


Es ging ganz schnell. Kühlschrank auf, die Reste essen, nächster Einkauf, alles anders. Dass ich mich so schnell vom Fleischliebhaber zum, mich immer wieder selbst motivierenden, Nichtmehr-Fleischesser (Vegetarier hört sich für mich noch immer wie eine Straftat an oder erinnert mich an „vegetieren“) umerzogen habe, erstaunt mich zwar, meine Umwelt aber wahrscheinlich weitaus mehr.
Wenn ich zurückdenke, wie es anfing, fällt mir ein Telefongespräch mit meinem Papa ein. Wir unterhielten uns wie immer über dies und das und kamen irgendwie auf die Ausbeutung von Tieren. Ich weiß, dass er ein Tierfreund ist und ich hielt ihm plötzlich vor, dass er ja eigentlich der perfekte Vegetarier wäre, da er immer wieder betont, wie schlimm wir uns nicht nur uns Menschen, sondern vor allem den Tieren, die sich einfach nicht wehren können, gegenüber verhalten. Ich merkte, wie sehr ich für eine fleischfreie, gesunde und gleichberechtigte Lebensweise argumentierte, obwohl ich abends zuvor noch die durchaus leckere Bulette (Fleischpflanzerl), wenn auch aus’m Alnatura, verspeiste und nicht daran dachte, woher es kam und wie das gute Stück „produziert“ wurde. Abends nach dem Gespräch, wunderte ich mich. Mit mir selbst in Gedanken, spielte ich meine Möglichkeiten durch, mich weiterhin selbst zu belügen, welche Argumentationen fallen mir ein, mich einerseits so beim Zweifeln zu ertappen und andererseits als Besserwisser meinem Papa gegenüber aufzutreten.
Ich musste mich informieren, bestellte ein Buch, lass zig Seiten im Netz und mir wurde immer übler. Gut, schläfste halt mal ne Nacht drüber. Doch unterbewusst war mir klar, dass es nichts zu schlafen und nichts zu argumentieren und nichts fleischiges mehr zu essen geben würde. Der Tag des jüngsten (vegetarischen) Gerichts war gekommen :). Tja, und da bin ich nun. Probiere momentan alle möglichen neuen Sachen aus, um bewusst nicht „Ersatz“ zu schreiben. Denn Ersatz ist es nicht, denn ich möchte nicht ersetzen, sondern anders essen. Ich möchte nicht sagen: „Schade, dass es kein Schnitzel war“, sondern „Lecker, dass es so schmeckt, wie es ist“.
Ich denke mittlerweile, dass ich gar keine andere Wahl hatte. Hatte ich zwar eine Ahnung, wie arm die armen Viecher in Ihren Ställen und Gattern, Käfigen und LKW-Ladeboxen wirklich dran sind, war mir jedoch der Zusammenhang irgendwo zwischen Kühlschrank, Straße und Supermarkt abhanden gekommen. Ich kann ja eh nichts ändern. Sie werden ja trotzdem gequält und wenn sie Glück haben, sterben sie schnell. Irgendwie jedenfalls. Was wünscht sich der Mensch, wenn er stirbt? Erstens, dass er nicht alleine sterben muss, dass es nicht weh tut und, dass er wenigstens seine Familie um sich hat. Die Tiere haben nichts von alledem. Denn Kühen werden ihre Kälber kurz nach der Geburt entrissen, und während sie nachts nach ihren Kindern schreien, werden diese irgendwohin gekarrt und geschlachtet. Kinder! Ich wollte hier eigentlich gar nicht näher darauf eingehen, da es jene, die es interessiert, sowieso wissen und die anderen? Wie oft habe ich in ernsten Diskussionen die einstimmige Aussage gehört: „Wo das Fleisch hier herkommt, will man besser nicht wissen“. Auch von mir. Aber das wars jetzt. Ich will wissen, wo mein Essen herkommt. Ich will wissen, wie es sein kann, auf Quälerei und alltäglichen, unsichtbaren Wahnsinn zu verzichten. Ich will das für mich.
Und wenn ich mal gefragt werde, warum? Dann frage ich höflich zurück, warum der andere Fleisch isst? Ich bin da ganz entspannt bei, aber ich wundere mich über mich selbst. Früher fand ich es auch normal und das war es ganz, ganz früher sicher auch. Da war man eine große Tier-und-Mensch-Familie, es musste allen gut gehen, damit es allen gut geht. Aber heute müssen sich viele Vegetarierer (im besonderen auch Veganer) dafür rechtfertigen, weil Sie größtenteils aus Mitleid mit anderen Lebewesen auf das Essen eben dieser verzichten wollen. Sie verzichten die Inhaftierung, Ausbeutung und Tötung der Lebewesen, die eigentlich selbst Dinge wie Gier und vor allem Rache nie gefühlt haben. Können sich Tiere rächen? Ich würd’s lieber nicht erleben wollen. Und genauso möchte ich nicht mehr erleben, wie Schweine, Hühner, Puten und Rinder wegen mir in einem modernen KZ gehalten werden, denn nichts anderes ist es! Ein Konzentrationslager. Qual, Unwürde, Traurigkeit und Tod. Nee, tut mir leid, will ich nicht mehr, hab ich keinen Bock drauf, wird mir schlecht, könnt ich kotzen. Nur für mich! Danke Papi (und Mami auch :) ) !

Kommentare:

  1. DANKE für diesen Bericht! Du bist mein Held ;-))

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  2. Wow, ein super Text. Kann ich alles nur so unterschreiben!
    Ich lebe jetzt schon seit 6 Wochen vegan und es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. :)

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  3. Eine wirklich beeindruckende und tiefsinnige, aber hoffentlich nicht zur Polarisierung führende Argumentation!
    Abschließende Frage: dürfen Vegetarier eigentlich Schmetterlinge im Bauch haben?
    MaPa

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  4. WOW dachte ich auch als erstes, nachdem ich diesen text gelesen habe. wunderschön geschrieben, super ehrlich und berührend.

    ganz ganz liebe grüße :))

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  5. Sehr guter Text! So ging es meinem Freund vor einem guten Jahr auch. Er ist bisher nur einmal bei Weißwürsten rückfällig geworden. Und ich bin sehr stolz auf ihn.

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  6. Ganz toll geschrieben! Wäre schön, wenn mein Freund das auch so sehen würde. Aber ich glaube, das dauert noch etwas. Vielen Dank für den tollen Text.

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  7. Ein ganz toller Text. Mit viel Verstand und noch mehr Herz geschrieben!
    Bringt mich und meine Gedanken darüber, zu versuchen keine Tierprodukte mehr zu essen, enorm weiter.
    Vielen Dank hierfür!
    "Artgerecht ist sowieso nur die Freiheit"

    Liebe Grüße

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  8. Vielen Dank für eure Kommentare. Freut mich, dass Ihr euch freut :).
    Thomas

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